Ich bin seit etwa einem halben Jahr Mitglied im DSLR-Forum und bin mehr oder weniger entsetzt worum es in den meistfrequentierten Threads geht: “Wer hat den größeren?”. Mit ziemlicher Regelmäßigkeit treten ellenlange Threads auf in denen darum diskutiert wird, welcher Kamerahersteller in naher Zukunft die Weltherrschaft an sich reißt (respektiv die großen Häuser Canon und Nikon). Dabei werden Vergleiche von technischen Feinheiten heranzitiert, Verkaufszahlen und natürlich das Image. Fanatische Anhänger einer Fraktion “trollen” gegen Fans der Konkurrenz schlimmer als beim Fußball. Dabei vergessen viele dass die heutige Phototechnik schon ein ungeahntes Maß an Luxus bietet.
Vor noch nicht allzulanger Zeit gab es sowas wie feinste Belichtungsautomatik, einblendbare Gitterlinien, Live-view etc. noch überhaupt nicht. Einstellbare Filmempfindlichkeit nur durch Filmwechsel. Und wenn man sieht was ambitionierte Photographen mit eine Blechkübel ohne Prismensucher, nur mit Belichtungsmesser und ein wenig Talent ausgerüstet, für geniale Aufnahmen gemacht haben, dann sieht man wie verwöhnt die akutelle Gemeinde der Hobby-, Amateur und Profiphotographen eigentlich ist.
Die Ankündigung der neuen Spitzenmodelle von Nikon (D300, D3) und Canon (40D, 1Ds MKIII) hat wieder eine solche Welle ausgelöst. Wenn man sich die Datenblätter anschaut, dann freut sich das Technikbegeisterte Herz natürlich, denn was die aktuellen Flagschiffe zu bieten haben, ist wohl schon mehr als das was man eigentlich braucht.
Beispiel eines eher sinnfreien Features wäre zum Beispiel das Live-view. Die Möglichkeit das Sucherbild direkt in Echtzeit mit aktuellen Belichtungseinstellungen auf die inzwischen auf 3″ gewachsenen Displays zu projezieren. Eigentlich empfand ich den Sucher der (D)SLR Kameras gegenüber Pocketcams immer als Vorteil und das ständige Kamera über den Kopf halten als schlechte Photoangewohnheit.
Ich finde die ständige Überschwämmung mit immer neuen technischen Innovationen raubt der Photographie die Seele. Natürlich liegt das nicht an der Innovation selbst sondern der Einfältigkeit der Konsumenten, auf die sich ja blöderweise die Marketingstrategien aller kapitalistisch orientierten Firmen stützen.
Und so kommt es das sich Leute über technische Details streiten die sie nie nutzen werden. 10 Bilder/s sind ein nettes Feature für Sportreporter, aber seit auf jeder größeren sportlichen Veranstaltung in jeder Ecke 10-20 Photographen aus allen Rohren feuern und nach einem größeren Event geschätzte 20000 Bilder von größtenteils uninteressanten Motiven existieren, ist gerade dieser Bereich enorm Inflationär. Ich muß allerdings auch dazu sagen dass mich Sportphotos genau wie die Veranstaltungen herzlich wenig interessieren, aber Fakt ist jedenfalls dass mit der aktuellen Technik kaum noch wünsche übrig bleiben dürften und Diskussionen wie “Welche Kamera macht die besten Bilder” somit hinfällig sind. Nur die wenigsten Photographen reizen ihre Geräte wirklich aus und die tun das Gewerblich. Der Hobby- und Amateurphotograph neigt in letzter Zeit sehr dazu das wesentliche aus dem Blick zu verlieren, nämlich das Motiv. Die ständigen Vergleiche von 100% Crops (Bildausschnitte bei voller Bildgröße) sollen von der Überlegenheit von Objektiven zeugen, zeigen aber meistens nur dass es scheinbar keinen mehr interessiert was überhaupt abgelichtet wird, sondern nur noch WIE. Okay, das ist natürlich sehr pauschalisiert, aber bei vielen Diskussionen in einschlägigen Foren und Zeitschriftentests, könnte man das natürlich glauben.
Fazit:
- Diese ständigen Lagerkämpfe unter Hobbyknipsern sind keine schöne Geschichte.
- Jede neue Kamerageneration bringt neue mehr oder weniger sinnvolle Erneuerungen mit, die absolut nutzbare Bildqualität dürfte aber bald einem Sättigungspunkt nahe kommen. Ein Großteil der gemachten Bilder verschwindet auf der Festplatte, auf 10*17 belichtet im Fotoalbum/Karton oder maximal als A4 Druck an der Wand, oder vielleicht in bekannter Größe in der Tageszeitung.
- Menschen sind zu leicht manipulierbar in ihren Kaufgewohnheiten. Kaum kommt eine neue Kamera auf den Markt, schreit ein großer Haufen, die Vorgängermodelle seien damit hoffnungslos veraltet und nicht mehr in der Lage gute Photos zu machen.
Vielleicht betrachte ich die Situation ja zu pessimistisch, aber es ist nicht selten so. Ich jedenfalls werde mein Kamera behalten und damit versuchen neue photographische Grenzen auszuloten. Damit werde ich noch viel zu tun haben.